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Arzneimittelreport 2010 - Biologika zwingen die Krankenkassen in die Knie PDF Drucken E-Mail
tablette_geld_arzneimittelreportDer Arzneimittelreport der Barmer GEK für das Jahr 2009 ist da – „and the winner is...“: Humira®, dicht gefolgt von Enbrel®, beides Immunsuppressiva der neuen Generation (sprich: Biologika) zur Behandlung der Rheumatoiden Arthritis (und besonders schwerer Formen von Morbus Crohn). Sie sind eindeutig die Umsatzgewinner dieses Jahr in Deutschland.

Der frisch veröffentlichte Arzneimittelreport hat es wieder mal deutlich gemacht: Die Ausgaben für Immunsuppressiva sind unübertrefflich hoch und beliefen sich in der GEK im Jahre 2009 auf 41,8 Millionen Euro, was einen Anstieg von 27 % zum Vorjahr ausmacht. Immunsuppressiva - das sind unter anderem Basistherapeutika für die Behandlung von Rheuma, entweder die klassischen oder die Therapeutika der neuen Generation, die sogenannten Biologika.

Die Ausgaben für das Biologikum Humira® innerhalb der Barmer GEK stiegen im Jahr 2009 um 26 % auf gesamt 62,828 Millionen Euro. Humira® nimmt damit den 1. Platz in der Liste der Top Ten Arzneimittelausgaben ein. Die Ausgaben der Barmer GEK für Enbrel® - ebenfalls ein Biologikum zur Behandlung von Rheuma – stiegen um 20 % auf gesamt 54,592 Millionen Euro (2. Platz) und für Remicade® (19. Platz) um 29 % auf gesamt 22.790 Millionen Euro. Remicade® ist auch zugelassen für die Behandlung der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa und der Schuppenflechte (Psoriasis).

Barmer GEK, das sind zur Zeit (2010) ca. 8,5 Millionen Versicherte. Die Angaben der GEK können also schon als sehr repräsentativ gelten. Trotzdem hier noch einmal die Angaben in ganz Deutschland:

Der Industrieumsatz

Der Gesamtumsatz der Medikamente in Deutschland (Ausgaben auch anderer Krankenkassen) wird bezeichnet mit dem Wort „Industrieumsatz“. Er wird ermittelt von gewissen Instituten (IMS-Health) nach Auswertung aller Kassen-Angaben. Der Industrieumsatz ist auch Teil des Barmer GEK-Arzneimittelreports und macht die Zahlen deutlich (hier der Übersicht halber nur die Top 5):

2009: Industrieumsätze der führenden Arzneimittel in Deutschland

Rang  Präparat  Wirkstoff   Hersteller  Umsatz 2009  Umsatzsteigerung seit 2008
 1  Humira®  Adalimumab  Abbott  310 Mio. Euro  + 33,3 %
 2  Enbrel®  Etanercept  Wyeth  265 Mio. Euro  + 29,7 %
 3  Glivec®  Imatinib  Novartis  208 Mio. Euro  + 7,8 %
 4  Symbicort®  ß-2 + Corticoid  AstraZeneca  203 Mio. Euro  + 6,8 %
 5  Spiriva®  Tiotropium  Pharma Westen  201 Mio. Euro  + 15,7 %

Quelle: nach IMS, 2009

Vorjahr 2008: Industrieumsätze der führenden 20 Arzneimittel in Deutschland

Rang  Präparat  Wirkstoff   Hersteller  Umsatz 2008  Umsatzsteigerung seit 2007
 1  Humira®  Adalimumab  Abbott  232Mio. Euro  + 43,3 %
 2  Enbrel®  Etanercept  Wyeth  204 Mio. Euro  + 21,3 %
 3  Glivec®  Imatinib  Novartis  193 Mio. Euro  + 5,2 %
 4  Symbicort®  ß-2 + Corticoid  AstraZeneca  190 Mio. Euro  + 10,6 %
 5  Gardasil®  Papillomvirus  Sanofi-Pasteur-MDS  182 Mio. Euro  - 23,0 %

Exorbitante Preise

Die hohen Ausgaben für Medikamente wie Biologika (z. B. Immunsuppressiva) zwingen die deutschen Krankenkassen in die Knie. Die Therapiekosten belaufen sich auf 16.000 – 24.000 Euro pro Jahr und Patient – je nach Präparat und Dosis . Immer häufiger werden die Rheumamedikamente der neuen Generation verschrieben.

Unabhängig von Wirkung oder Nebenwirkung lässt sich feststellen: Mit Biologika ist viel Geld zu verdienen. Biologika zählen zu den wichtigsten Werttreibern bzw. Wachstumsträgern der Pharma-Unternehmen. Immer mehr Pharma-Unternehmen konzentrieren sich auf dieses sehr umsatzträchtige Gebiet. Vor allem neue Arzneimittel gegen rheumatoide Arthritis und Multiple Sklerose treiben die Medikamentenausgaben der Krankenkassen in die Höhe.

Die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) weisen immer wieder darauf hin, dass ein großes Problem bei Arzneimittelpreisen darin bestehe, dass Pharmaunternehmen nach wie vor den Preis für ein neues patentgeschütztes Arzneimittel selbst festlegen können. Preisverhandlungen oder auch Rabattverhandlungen bei Neuzulassung oder Indikationserweiterung sind leider nicht obligatorisch – noch nicht.

Jahrestherapiekosten verschiedener Rheuma-Basistherapeutika im Vergleich

Auch wegen der unverhältnismäßig hohen Preise kommen Biologika bei der Behandlung autoimmunbedingter rheumatischer Erkrankungen erfahrungsgemäß erst ganz zum Schluss zum Zuge, was sich dem ungeübten Betrachter bei Lektüre des Arzneimittelreports nicht sofort erschließt. Denn die Anführer der Top 10 sind ganz einfach die teuersten – nicht die meist verschriebensten – Medikamente.

Standard (laut geltenden AWMF-Leitlinien, an denen deutsche Mediziner sich erfahrungsgemäß orientieren) in der Behandlung der Rheumatoiden Arthritis ist aber kein Biologikum, sondern ein Immunsuppressivum bzw. Zytostatikum, das ursprünglich aus der Krebstherapie stammt, und im Umfeld Rheuma niedrigdosiert (low dose) eingesetzt wird – Methotrexat (kurz: MTX). Welch große Unterschiede in den Therapiekosten bei Einsatz der „klassischen“ und der „neuen“ Basistherapeutika bestehen, kann diese Tabelle verdeutlichen (KG = Körpergewicht):

 Wirkstoff Übliche Dosis  Intervall  Jahrestherapiekosten (ca.)  Anmerkung 
 Leflunomid  10 bzw. 20 mg pro Tag 948 bzw. 1.333 Euro  
 MTX oral  7,5 - 25 mg pro Woche  56 - 198 Euro  + Folsäure 5 mg (10 Euro)
 Sulfasalazin  2 g pro Tag 382 Euro  
 Gold parent.  2 x 50 mg pro Monat  558 Euro  
 Ciclosporin  2 x 100 mg pro Tag  4.226 Euro  2,5 - 5 mg / kg KG max.
 Infliximab

 3 mg / kg KG
34 - 66 kg KG
67 - 99 kg KG

alle 8 Wochen
14.172 Euro
21.257 Euro
 in Kombi mit MTX, nach 12
Wo. schrittweise Steigerung
der Dosis bis 7,5 mg oder
kürzerer Intervall möglich
 Etanercept  2 x 25 mg pro Woche  22.236 Euro  evtl. in Kombi mit MTX
 Adalimumab  40 mg bzw.
40 mg
alle 2 Wochen
pro Woche
22.845 Euro
45.690 Euro
 in Kombi mit MTX bzw
Monotherapie

Hohe Preise – was kann helfen laut Krankenkassen?

Neue Gesetze. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat einen Entwurf für das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) vorgelegt. Die Pharmaindustrie (der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie) ist – wie zu erwarten war – „not amused“. Das Sparpaket soll helfen, künftig die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen zu senken. Es soll unter anderem herstellerunabhängige Nutzenbewertungen und Preisregulierungsmaßnahmen (auch die Orientierung an den Abgabepreisen in anderen europäischen Ländern) von neu zugelassenen Arzneimitteln beinhalten.

Auch Parallel- oder Reimporte können die Kosten für Medikamente immens senken, wenn im Ausland das betreffende Präparat zu einem niedrigeren Preis angeboten wird. Dieser Vertriebsweg ist vom Hersteller verständlicherweise nicht autorisiert, aber trotzdem legal.

Die größten Hoffnungen setzen Vertreter der Krankenkassen aber auf das Ende des Patentschutzes. Denn auch das beste Patent läuft irgendwann aus, spätestens aber nach 20 Jahren. Und nach Patentablauf eines Originalwirkstoffes ist der Weg frei für Generika bzw. Biolsimilars (biotechnologisch erzeugte Nachahmerstoffe, also Generika eines Biologikums). Der Countdown läuft: In den kommenden Jahren laufen die ersten Patente für Biologika zur Behandlung von Rheuma aus. Enbrel® von Amgen+Wyeth 2010 (Europa) bzw. 2012 (USA), Humira® von Abbott 2010, Remicade von J&J / Schering Plough 2018.

Mit einer Vielzahl von Generika – üblicherweise zu weitaus niedrigeren Preisen als die Originalwirkstoffe – wird gerechnet. Sofern nicht die Hersteller der Originalwirkstoffe mittels Rabattverhandlungen, Festpreis- und Dumpingpreisen die Entwicklung entsprechender Generika blockieren.

Fazit

Forschungs- und Entwicklungskosten müssen wieder reingeholt werden. Das ist der Grund für den Patentschutz und das Recht, die Preise für neu zugelassene patentgeschützte Präparate selbst festzulegen. Wie hoch die Entwicklungskosten für Rheumamedikamente der neuen Generation tatsächlich sind und ob sie derart hohe Abgabepreise rechtfertigen – das werden wir wohl nie wissen. Kritiker jedenfalls bemängeln, dass Medikamentenpreise wenig mit den tatsächlichen Produktions- und Forschungskosten zu tun hätten, aber viel mehr mit dem Geschäft mit der Angst und der Hoffnung chronisch Kranker.

Die Herstellung von Biologika scheint heutzutage jedenfalls die Lizenz zum Geld drucken zu sein. Biopharmaka gelten als sogenannte „Werttreiber“. Besitzt ein Pharmaunternehmen mehrere, hat es finanziell erst einmal ausgesorgt. Wen wundert es, dass sich immer mehr Pharmaunternehmen auf dieses Gebiet stürzen, um wieder einmal ein noch wirksameres Biologikum auf den Markt zu bringen?

Wie sollen alternative Behandlungsmethoden da Fuß fassen können? Was wäre zum Beispiel, wenn sich herausstellen würde, dass eine einfache Psychotherapie Abhilfe schaffen könnte bei der einen oder anderen Erkrankung des rheumatischen Formenkreises? Biologika werden gepusht, versprechen große Umsätze. In die Entwicklung alternativer Therapien wird verständlicherweise kein Geld investiert, denn wie will man Psychotherapie, Pflanzen oder Nahrungsergänzungsmittel patentrechtlich schützen und den Profit sichern?

Was die Preisentwicklung auf dem Biologikamarkt anbelangt, können wir jedenfalls weiter gespannt sein. Auch, zu welchen preislichen Zugeständnissen die Hersteller der Originalpräparate sich herablassen werden angesichts des drohenden Wettbewerbs durch Generika.

Wir bleiben dran am Thema! Es bleibt spannend.

Quellen und andere interessante Links zu diesem Thema

http://www.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Versichertenportal/Presse-Center/Pressemitteilungen/100609_20Ausgabenanstieg/Arzneimittel_20Report_20kurz,property=Data.pdf - Barmer GEK Arzneimittelreport 2010 (für 2008 und 2009) Kurzfassung

http://www.zes.uni-bremen.de/GAZESse/200902/GEK-Arzneimittel-Report-2009.pdf - Barmer Arzneimittelreport 2009 (für 2007 und 2008) zum Vergleich

http://www.kbv.de/publikationen/116.html Information der Kassenärztlichen Bundesvereinigung „Wirkstoff Aktuell“ zu Jahrestherapiekosten Basistherapeutika

http://www.p-t-m.eu/Neue_Dat10/33_thiede.pdf - Biologika Verordnung in der Zukunft

http://www.dkgev.de/dkg.php/cat/24/aid/7202 Entwurf des Gesetzes zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts in der gesetzlichen Krankenversicherung (Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz AMNOG) 2010-06-29

 
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Datum: 23.02.2012

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