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Zeit, unserem Geist und unserer Seele einmal mehr Aufmerksamkeit zu widmen...
Rheuma und Psyche – zwei Themen, die untrennbar miteinander verknüpft zu sein scheinen. Einerseits hat natürlich eine chronische Erkrankung Auswirkungen auf unsere Psyche (somatopsychisches Syndrom), andererseits kann unsere Psyche auch Auswirkungen auf unseren Gesundheitszustand haben (psychosomatisches Syndrom).
Die Psychosomatik befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Geist bzw. Seele (Psyche) und Körper (Soma), untersucht also sozusagen inwiefern geistige Fähigkeiten oder auch Erkrankungen einen Einfluss auf das körperliche Wohlbefinden haben können.
Rheuma als Ursache von seelischen Problemen
Es ist eine unumstrittene Tatsache, dass Krankheiten – ganz besonders chronische Krankheiten, die mit starken Schmerzen verbunden sind – eine Auswirkung auf unser Seelenleben, also unsere Psyche haben. Rheuma stellt für den Betroffenen eine große seelische Belastung dar. Ständiges Leben mit Schmerz, aber auch die Einschränkungen im täglichen Leben und mögliche soziale Folgen (im schlimmsten Fall Arbeitsunfähigkeit mit womöglich damit einhergehenden finanziellen Problemen) sind dabei nur einige der wichtigen Punkte. Aber Rheuma-Kranke begegnen oft auch Unverständnis aus ihrer Umgebung. Als eine schwer definierbare und oftmals salopp verwendete Krankheitsbezeichnung, wird Rheuma oftmals von unseren Mitmenschen als Bagatelle angesehen, als eben „nicht so schlimm“. Wer krankheitsbedingt darüber hinaus zu Depressionen neigt, hat es noch schwerer, den Schmerz und die Krankheit zu akzeptieren.
Die Auswirkungen von rheumatischen Erkrankungen auf unsere Psyche sind oftmals schockierend und bedürfen in nicht wenigen Fällen der psychotherapeutischen Behandlung. Doch nur ein Bruchteil der Betroffenen sieht die Krankheit Rheuma als Indikation für eine derartige Therapie an.
Seelische Probleme als Ursache von Rheuma
Seelische Probleme sind vielleicht nicht unbedingt alleiniger Grund für die Tatsache, dass eine chronische Krankheit auftritt, aber sicher doch mit ausschlaggebend für den Zeitpunkt und den Umfang dieser Erkrankung.
Rheumatische Erkrankungen sind eindeutig körperliche – also „somatische“ Erkrankungen. Ihr Ursprung muss aber nicht ausschließlich körperlicher Natur sein. Die Hintergründe, die (neben genetischer Veranlagung) zum Ausbruch von Autoimmunerkrankungen führen, werden derzeit stark beleuchtet. Der Verursachung von beispielsweise Rheumatoider Arthritis durch Viren, Bakterien und anderen biochemischen und physikalischen Faktoren wird dabei viel Aufmerksamkeit gewidmet. Aufmerksamkeit, die viele Wissenschaftler auch für die psychische Komponente solcher Autoimmunerkrankungen fordern.
Psychosomatische Erkrankungen als solche zu erkennen ist nicht ganz einfach, eine Unterscheidung zwischen rein psychischen, rein somatischen (physischen) und psychosomatischen Erkrankungen oftmals ein Ding der Unmöglichkeit. Wer kommt schon auf den Gedanken, einen Rheumapatienten zum Psychotherapeuten zu schicken, weil seelische Probleme Mitauslöser oder Verstärker seiner Krankheit sein könnten? Und doch geht man davon aus, dass ca. ¾ aller Erkrankungen einen psychischen Hintergrund haben. Genaue Zahlen hierzu wird man wohl nie erhalten, zumindest wird es aber noch eine Weile dauern, bis man psychosomatische Zusammenhänge bei einer Vielzahl von bekannten Krankheiten wird nachweisen können.
Zu den anerkannten klassischen psychosomatischen Erkrankungen („The Holy Seven“) gehört auch die Rheumatoide Arthritis.
Klassische Psychosomatische Erkrankungen
- Magen-/Zwölffingerdarm-Geschwür (Ulcus pepticum ventriculi et duodeni)
- Chronisch entzündliche Darmerkrankung (Colitis ulcerosa)
- Asthma (Asthma bronchiale)
- Bluthochdruck (essentielle Hypertonie)
- Neurodermitis (atopisches Ekzem)
- Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) und
- Rheumatoide Arthritis
Der Einfluss der Psyche auf den Ausbruch bzw. die Verlaufsform einer Erkrankung ist längst nicht ausreichend untersucht. Einige Wissenschaftler zählen auch andere Krankheiten, wie unter anderem Allergien (z. B. Neurodermitis und Heuschnupfen), Migräne, Schlafstörungen, Essstörungen (Magersucht, Bulimie und Fettleibigkeit), aber auch Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen wie Hörsturz, Tinnitus und Schwindel zu der Gruppe der psychosomatischen Erkrankungen.
Gibt es die „Rheumapersönlichkeit“?
Psychische Krankheitsfaktoren können wie gesagt die Auslösung oder den Verlauf von Rheuma beeinflussen. In der Psychosomatik werden heutzutage oft Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen mit bestimmten Krankheiten in Verbindung gebracht, um mögliche Zusammenhänge zu erkennen. Verschiedene Persönlichkeitsmerkmale wurden bei Untersuchungen im Zusammenhang mit Rheuma laut verschiedenen Quellen angeblich besonders oft beobachtet:
- Gehemmte Aggression: Rheumatiker haben demnach verstärkte aggressive Tendenzen. Ihre Aggressionen lassen sie aber eher an sich selbst als an anderen aus (Autoaggression) bzw. betreiben sogenannte Aggressionshemmung. Experten gehen davon aus, dass nach innen verdrängte Aggressionen zu starker Selbstkontrolle und „wohlwollender Tyrannei“ über andere führen. Kommt es darüber hinaus zu Schuldgefühlen, so können diese über Überanpassung bis hin zur Selbstaufopferung führen (sozusagen als „Selbstbestrafung“). Übergewissenhaftigkeit und Ertragen des eigenen Schicksals führen möglicherweise zu Depressionen.
- Bewegungsdrang: Rheumatiker verspüren demnach oft ein gesteigertes Bedürfnis nach körperlicher Aktivität. Aggressionsenergie lässt sich mittels Leistungssport abbauen. Kann diese Energie nicht abgebaut werden, kommt es zu einer erhöhten Muskelspannung um das Gelenk herum (Tonuserhöhung), die zur Gelenkschädigung führen kann. Die Energie bleibt sozusagen „im Gelenk stecken“ und führt zu Entzündung, Schwellung, Schmerz.
- Unabhängigkeit: Rheumatiker haben demnach oft einen großen Wunsch nach Unabhängigkeit.
Rheumatische Beschwerden finden sich laut diesen Angaben oft nach stressigen Situationen im Beruf, aber auch bedingt durch Erziehungsprobleme und langanhaltende Eheprobleme oder Trennungen. Depressionen und Ängste machen auch physisch krank. Psychosomatische Erkrankungen entwickeln sich daher oft in Lebenskrisen (Tod einer nahestehenden Bezugsperson) oder Schwellensituationen (z. B. während des Übergangs von Kindheit zu Pubertät oder von Pubertät ins Erwachsenenalter). Auch beispielsweise die Einschränkung sportlicher Aktivitäten durch Krankheit (wenn diese zuvor dem Spannungsabbau gedient hatten) sind scheinbar als Mitauslöser möglich.
Setzt Hoffnungslosigkeit, Pessimismus und Unfähigkeit zur Verarbeitung der eigenen Krankheit ein, so haben sie einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung. Wer in Privatleben und Beruf wenig sogenannte „Bewältigungsressourcen“ hat, also Möglichkeiten, Stress abzubauen, ist besonders gefährdet, an psychosomatischen Störungen zu erkranken
Einige Stimmen gehen soweit, von „Organwahl“ zu sprechen. Gemeint ist damit, dass der Körper über bestimmte Organe spricht, weil – so die Theorie - eine entsprechende psychische Erkrankung vorliegt. Aggression geht nach dieser Theorie in Bezug auf den Körper meist auf angreifende Bewegungen der Gelenke zurück. Auch die Autoaggression richtet sich zunächst gegen Gelenke.
Konversionsmodell nach Sigmund Freund und „Organwahl“ nach Franz Alexander
Das Konversionsmodell wurde 1895 von Sigmund Freud (1856 – 1939; Begründer der Psychoanalyse) in einer Studie über Hysterie (also für den Bereich der Psychoneurosen) entwickelt. Es gilt heute als das erste psychodynamische Konzept der Psychoanalyse für psychosomatische Störungen.
Vereinfacht dargestellt besagt das Modell, dass eine organische, also körperliche Störung als Produkt eines unbewussten emotionalen Konflikts angesehen wird, dessen Wurzeln in die frühe Kindheit zurückreichen (Kern des Konflikts sei in aller Regel ein aus der ödipalen Phase der Libidoentwicklung herrührender Wunsch, dessen Vorstellung verdrängt werden muss und dessen begleitende psychische Energie zur Schaffung körperlicher Symptome verwendet wird = Konversion). Die Wahl der Symptome (und Organe) geschieht nicht zufällig.
Auch andere Wissenschaftler haben sich mit diesem Thema auseinander gesetzt. Franz Gabriel Alexander (1891 – 1964) – „Vater der psychoanalytischen Psychodynamik“ - ordnete bestimmte psychodynamische unbewusste Konfliktsituationen bestimmten Krankheiten zu (Spezifitätstheorie) und erklärte, dass jeder emotionale Zustand sein eigenes physiologisches Syndrom habe. Demnach sorgen auf Außenobjekte gerichtete nicht ausgeführte Handlungen für emotionale Spannung, die zu Gewebsveränderungen und irreversiblen organischen Erkrankungen führen kann.
Wissenschaftler wie Alexander gehen so weit, anzugeben, dass bestimmte psychische Leiden ihren Ausdruck in der körperlichen Erkrankung ganz bestimmter Organe haben („Organwahl“). Oder andersherum: Ein bestimmtes Organ ist das Sprachrohr der Psyche.
Kritiker der „Aggressionstheorie“
Aber natürlich gibt es auch Kritiker an der Theorie einer „psychischen Veranlagung“ oder Persönlichkeitstheorie (wie Morschitzky und Sator; s. Quellen). Sie bezeichnen Konzepte wie die „Rheumapersönlichkeit“ als überholt, weil hierbei das biopsychosoziale Krankheitskonzept und das Konzept der Autoimmunstörung nicht ausreichend berücksichtigt seien, und schließen gehemmte Aggressionen bei Rheumatoider Arthritis (wie unter anderem durch den Psychoanalytiker Franz Alexander postuliert) eindeutig als Krankheitsursache aus.
Natürlich lehnen sie auch ab, dass es bestimmte typische Persönlichkeitsstrukturen für andere Erkrankungen gäbe und erklären entsprechende Ähnlichkeiten damit, eher Folge als Ursache der Erkrankung zu sein.
Einen psychischen Hintergrund schließen auch Kritiker allerdings nicht aus. Morschitzky und Sator gehen beispielsweise bei der somatoformen Schmerzstörung von einer Störung in der Kindheit, innerhalb der Familie und im Umfeld des Betroffenen aus (Gewaltbereitschaft der Eltern untereinander und ihnen gegenüber, ungünstige Lebensbedingungen wie etwa niedriger sozialökonomischer Status, geringe Schulbildung der Eltern, große Familien und enger Wohnraum, chronische Disharmonie in der Familie, psychische Störungen eines Elternteils, allein erziehende Muter oder Verlust der Mutter, sexuelle Gewalt, unsicheres Bindungserleben nach dem ersten Lebensjahr oder ein häufiger Wechsel der frühen Bezugspersonen.)
Die Kommunikation zwischen Psyche und Körper lässt sich messen
Der ungläubige Thomas - hier ist er fehl am Platze. Die Psychoneuroimmunologie (kurz PNI) befasst sich mit der Wechselwirkung zwischen Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem und verleiht den Aussagen über Psychosomatik einige Beweiskraft. Grundlage der PNI ist die Erkenntnis, dass unser Geist (das Zentrale Nervensystem) über Nerven- und Hormonreize (Botenstoffe) mit dem Immunsystem kommuniziert und umgekehrt. Die Nervenzellen des Gehirns senden Signale aus, die eine Infektionsabwehr verstärken oder vermindern können. Sie produzieren biochemische Substanzen wie Hormone und Botenstoffe, die der Immunabwehr dienen.
Verschiedenste Messmethoden und Messapparaturen haben sich auf die Messung dieser Kommunikation zwischen Immun-, Nerven- und Hormonsystem spezialisiert. Schaltstellen sind das Gehirn mit Hirnanhangdrüse, Nebennieren und Immunzellen. Die Regelkreise lassen sich steuern durch den Einfluss von Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen und somit zur Heilung nutzen. Aber auch unbewusste negative Gedanken und Gefühle beeinträchtigen diese Prozesse. Welche Informationen übertragen werden, scheint abhängig vom jeweiligen emotionalen Zustand. Neuropeptide (Botenstoffe im Gehirn) haben die Eigenschaft, an Immunzellen anzudocken und Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung von Makrophagen (Fresszellen des Immunsystems) zu bestimmen.“
Ein Beispiel für Auswirkungen der Psyche auf den Körper ist Stress. Stress beeinflusst Immunfaktoren nachgewiesenermaßen negativ. Unter Stress lässt sich ein Absinken des Levels von Immunglobulin A im Speichel nachweisen und eine vermehrte Ausschüttung von Glukokortikoiden (Rheumatikern für ihre Wirkung als Immunsuppressiva bekannt). Kortikosteroide hemmen die Zytokin-Produktion und mindern die Wirkung von T- und B-Lymphozyten und natürlichen Killerzellen. Als Folge des geschwächten Immunsystems steigt die Infektionshäufigkeit.
Was kann helfen?
Psychologisch ist so einiges drin für Rheumakranke:
- Krankheitsbewältigung: Ein besseres Verständnis für die Situation soll Betroffenen helfen, mit der chronischen Erkrankung besser umzugehen
- Schmerzbehandlung: Psychologische Techniken können helfen, den Schmerz besser zu bewältigen (Schmerzbewältigungstraining und Schmerzkontrolltraining) oder gar zu lindern (Entspannungsübungen, Ablenkungsstrategien)
- Psychotherapie: Eine psychotherapeutische Hilfe macht nicht Halt bei der Beschäftigung mit der Krankheit und den Schmerzen an sich, darf sie auch nicht, wenn man die Krankheit auch als eine Folge von seelischen Problemen verstehen will. Sie beschäftigt sich mit seelischen Problemen und Ereignissen, die im Zusammenhang mit der rheumatischen Erkrankung stehen können und versucht diese zu analysieren und – wenn möglich – zu eliminieren.
- Beratung durch öffentliche Institutionen (gibt es in allen etwas größeren Städten): Viele Dinge hindern den Menschen daran, sich mit der jeweiligen Situation abzufinden. Eheprobleme, Erziehungsfragen, Schulden o.ä. All diese Aspekte können zur Verschlimmerung von Symptomen oder zum Misserfolg einer Therapie beitragen und sollten im Vorfeld „geklärt“ werden, um den Erfolg der Therapie zu sichern.
Den Verfechtern der Aggressionstheorie zufolge ist eine Psychotherapie bei Rheumatikern immer eine Arbeit am Bewusststein. Aggressionsgefühle müssen geortet und möglicherweise vorhandene Schuldgefühle genauer unter die Lupe genommen werden. Seien Schuldgefühle vorhanden, so müsse geklärt werden, ob der Betroffene wirklich ein Interesse daran habe, seine Schmerzen loszuwerden, oder ob er Schuldgefühle mit den Schmerzen kompensiere – sich somit also gewissermaßen „selbst bestrafe“ (masochistische Verarbeitung).
Eine verbesserte „innere Beweglichkeit“ soll mit einer „äußeren Beweglichkeit“ einhergehen.
Wer kann helfen?
Was auch immer hinter der psychosomatischen Störung stecken mag. Zur Therapie von psychosomatisch bedingten Rheumaerkrankungen bietet sich scheinbar eine Kombination aus Psychotherapie (Gesprächs- und Gruppentherapie, Verhaltenstherapie und ggf. psychoanalytische Therapie), Entspannungstherapie (Autogenes Training) und Physikalischer Therapie (wie Tanztherapie oder konzentrative Bewegungstherapie) an.
Einen passenden Psychotherapeuten finden? Zuerst einmal sollte sichergestellt werden, dass es sich tatsächlich um einen zugelassenen und qualifizierten Psychotherapeuten handelt. Denn die Berufsbezeichnung ist erst seit 1999 geschützt. Psychologen müssen heute eine extrem kosten- und zeitaufwändige Fortbildung zum Psychotherapeuten auf sich nehmen, die gesamte Studien- und Fortbildungszeit bis hin zum fertigen Therapeuten beträgt viele Jahre.
Psychosomatische Medizin sollte durchgeführt werden von hoch spezialisierten Allgemeinmedizinern (in Kliniken und psychosomatischen Schwerpunktpraxen). Den passenden Psychotherapeuten in ihrer Umgebung finden Sie vielleicht mit auf der Homepage des Psychotherapie-Informations-Diensts der Deutschen Psychologen Akademie des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (http://www.psychotherapiesuche.de)
Rheuma-Risiko im modernen Arbeitsumfeld
Benita von Eberstein setzt sich in ihrem Artikel „Rheuma und Psyche – Zu Risiken und Nebenwirkungen der modernen Arbeitswelt“ mit dem erhöhten Risiko zur Rheumaerkrankung durch das Arbeitsumfeld auseinander.
Ihre Beobachtung zeigt, dass das erhöhte Risiko in der modernen Arbeitswelt an Rheuma zu erkranken, nicht nur einen körperlichen, sondern auch einen psychischen Hintergrund hat. Körperliche Belastungen am Arbeitsplatz sind biomechanischer, physikalischer oder chemischer Art, aber auch Arbeitsbedingungen wie Nässe, Hitze, Kälte, schlechte Beleuchtung und starker Lärm.
Beschäftigte in Fertigung und Routineverwaltung tragen daher von jeher ein erhöhtes Risiko, an Rheuma zu erkranken. Aber auch Stress als Ursache von Muskelverspannungen und Koordinationsstörungen ist hier vermehrt gegeben. Wenn Zeit- und Leistungsdruck, hohe Arbeitsintensität und Hetze (Akkordarbeit) aufeinander treffen, kommt es nicht selten zu einer leistungsmäßigen Überforderung, vielleicht noch gesteigert durch starken Verantwortungsdruck und das Gefühl, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
Die Überlastung des Körpers beschreibt Benstein nicht als Teufelskreis sondern mehr als Teufelsspirale. Überlastung führt zu Tonussteigerung, diese zu Verspannung, diese zu Sauerstoffmangel und diese wiederum zu Schmerz und Verringerung der Muskelkraft, welches wiederum zu noch stärkerer Überlastung führt. Schmerzmittel werden meist nicht genutzt, um die Spirale zu durchbrechen, sondern um über die Grenzen hinaus den Körper weiter belasten zu können.
Rheuma entsteht demnach also vermehrt durch Muskelanspannungen und Koordinationsstörungen oder Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen. Aber auch chronischer Stress und somit psychische Elemente können zu Muskelanspannung ohne ausreichende Erholungsphase führen. Auch Benstein zitiert die Thematik Aggressionshemmung. So führt die gehemmte Aggressivität zur verstärkten Anspannung der Muskulatur im Schulter-Nacken-Bereich und im Bereich des unteren Rückens (wie in Erwartung eines Angriffs). Offensichtlich besteht ein unterdrückter Handlungsimpuls, sich gegen eine bestimmte Situation zur Wehr zu setzen. Dieser Impuls bleibt bestehen und es bedarf viel Muskelarbeit, ihm entgegenzuwirken, was zur Dauerbelastung im Sinne von Stress führt.
Die Autorin beleuchtet die Möglichkeiten, dem Teufelskreis zu entkommen. Menschen seien den Stressauslösern nicht hilflos ausgeliefert. Sie haben verschiedene Möglichkeiten, diese zu bewältigen, sei es durch Flucht (Stellenwechsel oder Krankmeldung), Leistungszurückhaltung, aber auch durch die Aneignung von Qualifikationen, die ihnen bisher gefehlt haben. Sie können soziale Unterstützung erfahren – z. B. durch arbeits- und personalpolitische Maßnahmen. Vieles geht – nur eines scheinbar nicht: Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Arbeit als eine Möglichkeit, den Druck „nicht mehr an sich heranzulassen“, ist nachweislich wohl nur begrenzt möglich. Selbst in den einfachsten Tätigkeiten identifizieren sich Menschen mit ihrer Arbeit und können ein Interesse daran nicht einfach abschalten.
An Arbeitsplätzen in „gehobeneren Positionen“ gibt es laut Benstein meist weniger biomechanische Belastungen bei mehr Bewältigungsmöglichkeiten, weil weniger Sanktionen drohen und weniger Angst herrscht. Dazu kommt oft sogar die Möglichkeit, Aggression an anderen „auszulassen“.
Bewältigungsmöglichkeiten bieten sich für die meisten Menschen ausschließlich zuhause in Familie, Partnerschaft, Hobbies und Freizeit. Wenn Sanktionen – wie ein Arbeitsplatzverlust – drohen, nehmen Mitarbeiter diese Möglichkeiten immer weniger wahr. Weiblichen Mitarbeitern fehlt darüber hinaus noch die Ressource „zu Hause“, weil oftmals zuhause ihr „zweiter Arbeitsplatz“ auf sie wartet.
Menschen und ihr Arbeitsumfeld sind unterschiedlich, daher gibt es viele Wege die nach Rom (oder zur Krankheit) führen können. Man geht allerdings davon aus, dass – wenn eine starke mechanische Belastung in der Arbeitswelt vorliegt – schon relativ geringe Anteile Stress oder psych. Prädisposition (oder auch „Rheumapersönlichkeit) ausreichen.
Die Zukunft sieht nicht rosig aus: Zunehmender Leistungsdruck, Anpassungsdruck (Flexibilität, Fortbildung, Standortwechsel), Selektionsdruck und drohende Arbeitslosigkeit und Arbeitsplatzrisiken (keine Möglichkeit auf Stellenwechsel, Konkurrenz untereinander, drohende Entlassung) tragen in erhöhtem Maße dazu bei, den psychischen Stress in der Arbeitswelt aufrecht zu erhalten oder gar noch zu erhöhen. Wenn hier nicht Abhilfe geschaffen wird, werden künftig wohl noch einige Rheumatiker mehr auf den Plan treten.
Fazit
Die Psychosomatische Medizin ist keine neue Erfindung. Sie betrifft alle Disziplinen der Medizin und sorgt dafür, dass wir nicht dem Körperlichen weniger, sondern dem Seelischen mehr Beachtung schenken.
Welche Theorie nun die richtige ist? Wir wissen es nicht. Für jede These gibt es eine Gegenthese. Die „Aggressionstheorie“ scheint zumindest weit verbreitet zu sein. Aber ganz gleich, welche psychische Problematik hinter einer psychosomatischen Störung steckt, eine Erkrankung mit auch psychosomatischem Hintergrund bleiben gewisse Rheumaerkrankungen doch.
Psychosomatische Erkrankungen sind Krankheiten wie andere auch. Es mag uns schwer fallen, mit dem richtigen Therapeuten – nämlich dem Psychotherapeuten – an diesem Problem zu arbeiten. Aber es ist auf jeden Fall der richtige Weg. Wir sind nicht verrückt, nur weil unser Geist uns körperliche Probleme beschert. In der Heilung von Krankheiten sollte es nicht um die Pflege von Vorurteilen und die Behandlung von Symptomen gehen, sondern um tatsächliche Ursachenforschung.
Quellen und interessante weiterführende Links zum Thema Rheuma:
Michael Ehrmann „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage“ Kapitel „Chronische Polyarthritis“
„Psychoimmunologie“ von Wolfgang P. Kaschka und Harald N. Aschauer (Georg Thieme Verlag Stuttgart New York), Kapitel „Affektive Störungen, Immunsystem und psychische Einflüsse auf körperliche Erkrankungen“
„Wenn die Seele durch den Körper spricht – Psychosomatische Störungen verstehen und heilen“ von Hans Morschitzky und Sigrid Sator (Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Walter Verlag Düsseldorf)
„Rheuma und Psyche – Zu Risiken und Nebenwirkungen der modernen Arbeitswelt“ von Benita von Eberstein, Veröffentlichungsreihe der Arbeitsgruppe Public Health, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung; http://bibliothek.wz-berlin.de/pdf/1996/p96-204.pdf
Infos zur „Messbarkeit“ von Psychosomatischen Zusammenhängen, die „Psychoneuroimmunologie“ http://de.wikipedia.org/wiki/Psychoneuroimmunologie
Die 7 psychosomatischen Erkrankungen (the Holy Seven) http://www.medizin-im-text.de/blog/?p=6
Psychosomatik – was ist das? www.angstnetz.de/portal/Content-pa-showpage-pid-10.html
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